Sustainability Nachhaltigkeit
23. April 2018

Die Zeit der Moore ist gekommen

Das Diepholzer Hochmoor steht wie eine riesige Badewanne in der flachen Landschaft. Und überall hat die Wanne versteckte Mikro-Löcher, aus denen das Wasser abläuft. Der über Jahrtausende gewachsene Torfkörper trocknet aus und sackt in sich zusammen. Ein Moor ohne Wasser ist kein Moor. Ein Moor ohne Wasser speichert kein CO2. Darum will Lebensbaum das Moor wieder dicht machen.
Diepholzer Hochmoor

Denn Moore spei­chern weltweit mehr als 30 % des im Boden gebundenen Koh­lenstoffs, obwohl sie nur 3 % der Landoberfläche bedecken.

Hochmoore wie in Diepholz werden durch Regen gespeist und müssen einen Widerspruch lösen: Sie erheben sich über ihre Umgebung und müssen zugleich da­für sorgen, dass das Wasser nicht aus ih­nen abfließt. Betrachtet man ein intaktes Hochmoor von oben, fällt auf, dass es ein Muster aus Hügeln und Tälern bildet – Bulten und Schlenken. Die Bulten haben

sich über hunderte von Jahren senkrecht zu dieser Neigung geordnet – zur Strömungsrichtung des Wassers. Mit diesem Trick verhindert ein intaktes Moor, dass das Wasser abfließt.

Arme Bauern, Geister, Moorleichen

Für die Eleganz dieses natürlichen Sys­tems hatten die Menschen über Jahrhun­derte wenig übrig. Auf der weiten Moor­landschaft Norddeutschlands lastete schon immer eine tiefe Schwermut. Die­ses Paula-Modersohn-Becker-Gefühl, das die Worpsweder Malerin in ihren Bildern verewigt hat, ist tief im kollektiven Be­wusstsein der bäuerlich geprägten Region abgespeichert. Ebenso wie die Plackerei der Bauern, die den nährstoffarmen Bö­den im Moor kaum Ertrag abringen konn­ten. Oft gelang es erst der dritten Moor­bauern-Generation, halbwegs von den Erträgen zu leben: „Des Ersten Tod, des Zweiten Not und des Dritten Brot“ heißt es in einem alten Sprichwort über das Moor.

Anders als der Wald, in dem sich die deutsche Seele hebt, galt das Moor lange Zeit als eine Land­schaft, in der schlimme Dinge geschehen: Armut der Bau­ern, Geister, Moorleichen.

„Einen ‚bösen‘ Ort kann man nicht schützen. Die Menschen sind dafür nur schwer zu begeistern“, sagt Detlef Tänzer. Tänzer ist ver­antwortlich für den Naturschutz im Land­kreis Diepholz. Ein eloquenter Behörden­mann, der weiß, dass Naturschutz nur funktioniert, wenn man die Menschen vor Ort mitnimmt.

Aber auf der Welt passieren immer wie­der die verrücktesten Dinge. Vermutlich hat der Goldregenpfeifer das Moor aus seinem Depressionszusammenhang ge­löst: In den 1980er Jahren geriet der sel­tene Vogel auf die Rote Liste. Zum Brü­ten braucht er offene, feuchte Flächen mit niedriger Vegetation, auf denen er ungehindert laufen kann und die er gut zu überblicken vermag. Genau diese Be­dingungen konnte das Moor dem Gold­regenpfeifer bieten. Aus dem feindlichen Lebensraum Moor wurde ein Rückzugs­ort für bedrohte Tier- und Pflanzenarten. Aus dieser neuen Wahrnehmung heraus beschloss die Niedersächsische Landesre­gierung 1981 ein Moorschutzprogramm. 1986 wurden die Abtorfungen im Diepholzer Moor beendet. Es dauerte dann noch vier Jahre, bis aus dem Moor und den umliegenden Wiesen ein 498 Hektar großes Naturschutzgebiet entstand.

Als CO2-Speicher funktioniert das Diepholzer Moor derzeit allerdings nur be­dingt. Dafür müsste es zu großen Tei­len mit Wasser bedeckt sein. Das Wasser sorgt dafür, dass absterbende Pflanzen nicht vollständig abgebaut werden. Was bleibt, lagert sich als Torf ab und enthält einen großen Teil des Kohlendioxids, den die Pflanzen im Laufe ihres Lebens aufgenommen haben.

Doch nach Jahrhunderten der Entwässe­rung ist das Diepholzer Moor kaum mehr dicht zu kriegen. Trotz neuer Wälle und geschlossener Entwässerungsgräben fin­det das Wasser immer wieder Wege, um abzufließen. „Das von der Natur entwi­ckelte, fein austarierte System aus Schlen­ken und Bulten lässt sich nicht ohne ­wei­teres wiederherstel­len. Es gibt da keine Reset-Taste“, bedauert Hans-Dieter Tornow. Der pensionierte Biologie­lehrer ist Naturschutzbeauftragter u. a. für das Diepholzer Moor. Er kennt das Moor seit den 70er Jahren. „Mir war so­fort bewusst, dass das Diepholzer Moor zu trocken war, dass Torfmoos selten und der Hochmoor-Charakter durch die auf­wachsenden Birken an vielen Stellen verloren gegangen war“, erinnert sich Tor­now. Dazu kommt, dass die knapp 500 Hektar große Fläche 190 private Eigen­tümer hat und sieben öffentliche. Ein rechtlicher Flickenteppich, der die Wie­dervernässung so kompliziert macht. „Oft können wir große Flächen nicht mit Wasser füllen, weil in der Mitte ein kleines Grundstück in privater Hand ist, das nicht nass werden darf“, sagt Tornow.

Diepholzer Moorhelden

Die Lebensbaum-Stiftung will daher aus den vielen kleinen Flicken große Stücke machen und lässt sich zu diesem Zwecke beschenken. Mit den Moorgrundstücken der privaten Eigentümer. Dafür über­nimmt die Stiftung die an die Flächen ge­bundenen Steuern und Abgaben. Über 60 Eigentümer haben der Stiftung mitt­lerweile ihr Grundstück geschenkt. Sie werden in Diepholz als „Moor­helden“ gefeiert, es wurde ein Fest veranstaltet und die nationale Presse berichtete über die Aktion. „Ich gebe zu, dass unser Vorgehen ungewöhnlich ist, aber es funktioniert“, sagt Ma­ren Walter von der Lebensbaum-Stif­tung. „Die Menschen hier hängen an ih­ren Moorgrundstücken, oft sind diese über viele Generationen vererbt worden. Aber sie sind auch bereit, sich davon zu trennen, wenn es dem Moor dient. Da­rum sind sie Moorhelden.“ Zusätzlich zur Arbeit der Stiftung stellte die Firma Lebensbaum bis heute bereits über 110.000 Euro bereit. Und das finanzielle Engage­ment wird weitergehen, schließlich hat Lebensbaum langfristig die Pa­tenschaft für das Diepholzer Moor übernommen. Mit dem Geld wurde von Fachleuten zuerst eine Bestandsaufnahme gemacht und anschlie­ßend ein Pflege- und Entwicklungsplan für die nächsten Jahre erstellt.

Undichte Verwallungen wurden repariert, Gräben erneut geschlossen. Jährlich ziehen Lebensbaum Auszubildende ins Moor und schlagen Birken, „Entkusseln“ genannt. Die Birken entziehen dem Moor Was­ser und verhindern zudem, dass Torfmoose wachsen können.

Das Diepholzer Moor ist längst nicht mehr nur ein Ort für botanisie­rende Sonderlinge, die sich Insekten-Witze erzählen. Es gibt jetzt einen Moor-Erlebnispfad, den Schulklassen für den naturnahen Unterricht nutzen. Im Herbst ziehen Hunde mit illuminierten Halsbändern ihre Herrchen in den Nebel. Hobbyfotografen machen Kunst im Moor. Und was mag noch kommen? Im vergangenen Herbst war Prof. Succow im Diepholzer Moor. Der emeritierte Professor für Botanik ist das, was man eine lebende Legende nennt. 1990 war er kurzzeitig Stellvertre­ter des letzten DDR-Umweltministers. Auf der letzten Ministerratssit­zung der DDR sorgte er in einem Handstreich dafür, dass sieben Pro­zent der Fläche der DDR unter strengen Naturschutz gestellt wurden.

Der „Moorpapst“ kam mit einer Handvoll Umweltaktivisten, einem ZDF-Fernsehteam, Studenten und Auszubildenden von Lebensbaum. „Das“, sagte Succow, „müsst ihr wissen: Hier im Moor könnten ein­mal Wasserbüffel stehen. Oder wir würden Schilf ernten und damit Biogas herstellen. Niemand müsste mehr Mais anbauen und damit das Klima schädigen. Die Zeit der Moore ist gekommen.“

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